Selbstversorger-Großfamilie, Tauschkreise und Schenkökonomie

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Kurz hinter Eggenfelden, also ungefähr auf halber Strecke zwischen München und Passau, wohnen die Fuchsens, eine befreundete Familie. Besucht habe ich sie vor allem, weil wir uns schon lange nicht mehr gesehen hatten und weil sie schön auf meinem Weg Richtung Österreich lagen. Ich durfte bei ihnen dann auch einiges über Selbstversorgung und überraschend viel über Gemeinschaftsmodelle lernen.

Sie sind eher ein Gemeinschaftsprojekt im familiären Sinne. Das heißt alle ihre „Gemeinschaftsmitglieder“ entstammen bei ihnen sozusagen der Eigenproduktion – und mit 5 Kindern ist da richtig was los! Das war für mich eine sehr interessante neue Erfahrung und ich war sehr beeindruckt mit welcher Gelassenheit Andreas und Petra alles auf die Reihe kriegen.
 
Und auch in Richtung Selbstversorgung sind sie Vollgas unterwegs. Es gibt schon einige Beete, ein Gewächshaus und einen großen Garten, in dem noch viel geplant ist und ich durfte mithelfen einen Unterstand für die Tomatenpflanzen zu bauen (:
Sehr empfehlenswert ist auch der Blog, den die beiden betreiben! Hier beschreiben sie ihre Erfahrungen auf dem Weg zur Selbstversorgung aber auch, wie man z.B. durch die eigene Verarbeitung oder Herstellung von Verbrauchsgütern viel Geld sparen kann: www.zumursprungzurueck.com

Hier ein kleiner Videoschnappschuss von mir im Garten:

 

Vom Tauschkreis in Richtung Schenkökonomie

Was ich dann auch noch sehr spannend fand, war der Tauschkreis, den die beiden in ihrer Region initiiert haben. „WIR gemeinsam Eggenfelden“ nennt sich das ganze und ist einer von vielen WIR gemeinsam-Tauschkreisen, die sich momentan in Ostbayern und in Östereich entlang der Donau ausbreiten. Der Grundgedanke dabei ist der, dass sich Menschen zusammenschließen und durch den Austausch von Tätigkeiten unterstützen, die im Bereich der Nachbarschaftshilfe anzusiedeln sind. Organisiert wird das Ganze durch eine Komplementärwährung in Form von Scheinen, die an die Arbeitszeit gebunden sind. Für eine Stunde im Garten helfen bekommt man also einen Schein im Wert von einer Stunde, den man dann als Zahlungsmittel benutzen kann, wenn man von jemand anderem aus dem Tauschkreis Hilfe in Anspruch nehmen will (mehr Infos gibts hier).
 
Diese Konzepte der Parallelwährung, des Regionalgelds und auch der zeitbasierten Komponente finde ich sehr interessant, waren mir aber schon vorher bekannt. Was für mich wirklich neu und faszinierend war, war die Wirkung, die sich bei den Menschen im Tauschkreis gezeigt hat. Es entstanden nämlich viele neue Bekanntschaften bis hin zu Freundschaften und ging auch soweit, dass Menschen Tätigkeiten ohne Bezahlung füreinander erledigten.
Und hier sehe ich den entscheidenden Schritt und eine sehr spannende Entwicklung, die denke ich einiges Potenzial hat unser gesellschaftliches Miteinander zu verbessern.
 
Denn in unserem bisherigen, doch relativ stark Geld- bzw. Gegenleistungs-fokussierten System – also dass jede Leistung sofort mit einer Gegenleistung abgeglichen werden muss – sehe ich neben den Effizienzvorteilen v.a. zwei große Nachteile, wenn es um die sozialpsychologische Perspektive geht:
Zum einen werden die Verbindungen zwischen den Menschen durch die Gegenleistung sofort gekappt. Als gutes Gegenbeispiel sehe ich die indigenen Kulturen, in deren Schenkökonomie jeder das, was er geben will, an alle ohne (sofortige) Gegenleistung abgibt. Die Gegenleistung muss zwar trotzdem irgendwann erfolgen damit das System funktioniert, aber sie muss nicht sofort gegeben werden und sie muss auch nicht direkt an den ersten „Geber“ erfolgen, sondern kann über Umwege der Gesellschaft als Ganzes zugute kommen und somit auch wieder dem Einzelnen. Dadurch entsteht eine sehr viel größere Verbindung zwischen den Menschen, als wenn jede Leistung sofort mit Geld oder einem anderen Tauschmittel abgegolten wird.
(Die Frage, wie groß eine Gemeinschaft sein darf, damit dieses Konzept funktioniert, ist da natürlich auch nochmal spannend – zu den Vor- und Nachteilen von regionaleren Strukturen will ich demnächst noch etwas schreiben…)
 
Den zweiten großen Nachteil, den ich in unserem Geldsystem sehe, ist der der Abstraktion. Denn durch den Fokus auf das Geld verlieren wir oft aus den Augen welchen Wert die Dinge wirklich haben und welche ökologischen und sozialen Auswirkungen wir mit unseren Kaufentscheidungen verursachen, weil diese bei nur sehr wenigen Produkten mit im Preis abgebildet sind (und auch bei Fairtrade- und Bio-Produkte geht das oft noch nicht weit genug).

Neue Wege gehen?

Deswegen finde ich es eben sehr spannend zu überlegen, wie eine Gesellschaft oder auch erstmal kleinere Gemeinschaften von Menschen ohne Geld funktionieren würden und welche Vorteile sich daraus ergeben würden.
Ich denke, dass sich ein sehr viel größeres Gefühl der Verbundenheit und Solidarität entwickeln könnte und dass in Verbindung mit regionaleren Produktionsstrukturen auch eine insgesamt bewusstere Art und Weise entstehen könnte zu leben und zu konsumieren, die dann auch weniger Schäden und Leid verursacht.
 
Was denkst Du zum Thema Geld, seiner Wirkung auf unser Miteinander und mögliche Alternativen? Fände ich sehr spannend Eure Meinungen dazu in den Kommentaren zu sehen!

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